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VEREIN SENIORENZENTRUM WASSERFLUE, KÜTTIGEN

Kaspar Lüscher las Mundartgeschichten im Seniorenzentrum Wasserflue

Kaspar Lüscher auf dem "Thron"

Kaspar Lüscher auf dem "Thron"

„Wie immer bei solchen Anlässen, sitzen diejenigen, die schlecht hören, zu hinterst im Saal“ stellt Heimleiter Alfred Brändli humorvoll fest. Daher wird das entsprechende Publikum akustisch günstig nach vorne umplatziert. Jetzt kann der Schauspieler, Autor und Regisseur Kaspar Lüscher mit seiner Darbietung vor den gut 30 Zuhörern beginnen. Vielversprechend tänzelt er, mit seiner Klarinette spielend, in den Raum und besteigt den erhöhten Thron. Von dort beginnt er seine Geschichten zu erzählen. Geschichten, die einst vom Wegenstetter Bauerndichter Leo Schreiber (1902–1977) auf Hochdeutsch geschrieben wurden (und der nota bene grad der Götti meiner Sitznachbarin war). Hier und jetzt werden sie aber in richtig urchigem Schweizerdeutsch dramatisch, lustig, unterhaltsam vorgetragen.

In der ersten Geschichte „Heimatlos“ findet ein kinderloses Paar im heimatlosen Mädchen Rita endlich das ersehnte Pflegekind. Im „dr sältsami Fahrgascht“ geht es um Geister und seltsame Begegnungen bei Vollmond. Man merkt, die alten Sagen aus dem Fricktal sind hier ganz lebendig. Beim „dr Hösisavelis“ führen leichtes Behindertsein, Alkoholismus, Liebesentzug und „Schimpfis“ fast zum Selbstmord durch Erhängen. Zum Glück kann Kathrinli den Säufer in letzter Minute noch davon abhalten. Beim „dr Hüsler Fred“ wird ein Bauer von einem Landstreicher in einer Winternacht vor dem Erfrierungstod gerettet, nachdem der Landstreicher vorher bei diesem Bauern gütige Aufnahme gefunden hatte und mit einem Mantel beschenkt worden war. Gute Taten lohnen sich!

Immer wieder untermalt Kaspar Lüscher die verschiedenen Geschichten mit lustigen, lüpfig-quietschigen Klarinetteklängen - mal fröhlich, mal wehmütig, mal leise ausklingend mal mit schrillem Ausrufezeichen. Manchmal sind es nur Melodiefetzen, die aber vom Publikum sehr wohl erkannt und mit Geraune bedacht werden. Man freut sich über die alten, geliebten Melodien. Man freut sich auch über die bekannte Mundart, über Ausdrücke, die heute nur noch wenig gebräuchlich sind. Und man freut sich auf ein Wiedersehen mit Kaspar Lüscher und seinen Geschichten. ms, 14. Nov. 2017


FRICK

Drama im Kornhauskeller: Mann und Hund und Lebenslustverlust

von Peter Schütz — az Aargauer Zeitung

19.9.2017 um 10:46 Uhr

 

 

 

 

Kaspar Lüscher lässt die Zuschauer als «Karl mit Hund» tief in das Drama seines Lebens schauen, auch mit einem Lächeln.

Das Theaterstück «Karl mit Hund» hatte am Samstag im Kornhauskeller Premiere. Vor vollem Haus gab Kaspar Lüscher Einblicke in ein bewegtes fiktives Leben.

Das tat er aber nicht linear von Anfang bis Ende, sondern umgekehrt und manchmal auch durcheinander, das richtige Rezept also für einen dramatischen Abend. Natürlich: Lüscher wäre nicht Lüscher, wenn es nichts zu lächeln gäbe. Seine Figur, Karl Schönbächler, hat denn auch etwas Komisches an sich, obwohl seine Geschichte, von der er in Rückblenden erzählt, so lustig gar nicht ist.

 

Ein Drama eben, eines mit Ehebruch und Totschlag, mit Gefängnis und Neuanfang, mit Bitterkeit und Wehmut, in das sich trotzdem mal ein Witz einschleicht oder eine derart surreale Szene, dass der Ernst der Lage für einen kurzen Moment in Heiterkeit umschlägt.

Dichte Atmosphäre

Kaspar Lüschers neue Solo-Aufführung ist in Anlehnung an «Der Mann mit dem kleinen Hund» des belgischen Schriftstellers Georges Simenon entstanden. Simenon, bekannt geworden vor allem durch die Figur des Kommissar Maigret, pflegte einen schnörkellosen Schreibstil, aus dem er jedoch dichte Atmosphären und präzise Beobachtungen entwickelte – was Kaspar Lüscher in seiner eigenen Fassung eindrücklich umzusetzen vermag. Der in Gipf-Oberfrick heimische Schauspieler hat zudem noch den Mut, die Bühne nicht ein einziges Mal umzustellen.

So bleibt die Ausstattung von Anfang bis Ende gleich karg, bestehend aus drei mannshohen Gerüsten mit Plastikfolien, die wie Wände, Fenster und sogar Türen in andere Zeiträume funktionieren. Hinzu kommt ein Stuhl, ein gerupftes Huhn, rote Farbe, ein Topf und natürlich ein Hund aus Stoff, eingewickelt in Zellophanfolie und mit einem rosaroten Schlupf versehen. Der Hund bleibt während der 70-minütigen Aufführung einfach Hund, sagt nichts, bellt und knurrt nicht, hört einfach nur zu, was sein Herr zu sagen hat. Die Zuschauer geraten dadurch in eine fast voyeuristische Rolle, indem sie eigentlich an ein Tier gerichtete Intimitäten mitbekommen. Aber so ist das ja meistens beim Theater und dafür bezahlt man auch Eintritt.

Vermeintliche Einfachheit

Was den Reiz des Stückes ausserdem ausmacht, sind die den Monolog des Schauspielers unterbrechenden Klangschnipsel aus Musik, Gesprochenem, Verhalltem und Verhuschtem, präzise von Techniker Marcel Hasler eingesetzt. So bringt sich Kaspar Lüscher manchmal selber in die Lage, längst vergangene Begebenheiten noch einmal wie ein Aussenstehender zu erleben. Und so wird die Aufführung trotz der vermeintlichen Einfachheit zu einem höchst komplexen, klugen und unterhaltsamen Erlebnis, trotz aller Tragik, trotz der unglücklichen Umstände, die Lüscher wie eine Zwiebel von aussen nach innen schält.

Ein Mann, einst glücklich, hat die Lust am Leben verloren wie andere Menschen ihren Regenschirm. Er durchlebt noch einmal, wie ihm der Boden unter den Füssen weggezogen wird, berappelt sich wieder, und als sich ein gutes Ende abzeichnet, kommt es doch anders. Das alles funktioniert bestens, weil Kaspar Lüscher diese Rolle nicht nur spielt, sondern lebt.

Regie von «Karl mit Hund» hat Raphael Bachmann, Regieassistenz Mia Lüscher, die dramaturgische Begleitung Fredy Heller.

Weitere Vorstellungen im Kornhauskeller (Kulturkommission Frick) sind von heute Montag bis Mittwoch, 20. September. Beginn ist jeweils um 20.15 Uhr. Danach tritt Lüscher in Zug, Basel, Chur und Zofingen auf.

 

 

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Empfehlung „Karl mit Hund“

 

Kaspar Lüscher gelingt in „Karl mit Hund“ eine unsentimentale Tour d’Horizon durch das menschliche Dasein. Vorgespielt als regelrechtes Hundeleben: ein Bilanzsuizid mit Absicht. In unspektakulären Rückblenden, ohne eigentliche Dramatik, normal bis auf die blutige Wende.

Kaspar Lüscher zeichnet seinen Karl mit Hund schnörkellos, still, emotionslos. Seine Schauspielkunst erlaubt ihm, die feinen Nuancen der Hauptfigur zu zeichnen, mit subtiler Mimik, mit knappen Bewegungen. Nur ab und zu der Anflug eines Lächelns. So entsteht das eingängige Porträt eines Durchschnitts-Mitmenschen, der kein Mitleid will, aber eine Genugtuung für die Ermordung seines Ichs. Man leidet still mit. Und hofft auf ein gutes Ende, das sich nicht einstellt.

Die Inszenierung von Raphael Bachmann verstärkt die Einsamkeit des Familienvaters. Das Bühnenbild steckt zeitliche und räumliche Ab- und Einschnitte ab; sparsame Einspielungen erlauben Ein- und Rückblicke in die Aussenwelt. Die Spielzeit von 70 Minuten verdichtet das verkorkste Leben hautnah.

„Karl mit Hund“ empfehle ich allen Veranstalterinnen und Veranstalter, die Wert auf ein eigenwilliges Theaterstück legen, weg vom Mainstream der zurzeit florierenden Regie-Inszenierungen, und die ihrem Publikum einen Abend zumuten, der verhalten, aber direkt und unverhohlen die Tragik und Komik eines Lebens nachvollziehen lässt.

 

Fredy Heller, Basel

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Empfehlung „Karl mit Hund“

 

Kaspar Lüscher gelingt in „Karl mit Hund“ eine unsentimentale Tour d’Horizon durch das menschliche Dasein. Vorgespielt als regelrechtes Hundeleben: ein Bilanzsuizid mit Absicht. In unspektakulären Rückblenden, ohne eigentliche Dramatik, normal bis auf die blutige Wende.

Kaspar Lüscher zeichnet seinen Karl mit Hund schnörkellos, still, emotionslos. Seine Schauspielkunst erlaubt ihm, die feinen Nuancen der Hauptfigur zu zeichnen, mit subtiler Mimik, mit knappen Bewegungen. Nur ab und zu der Anflug eines Lächelns. So entsteht das eingängige Porträt eines Durchschnitts-Mitmenschen, der kein Mitleid will, aber eine Genugtuung für die Ermordung seines Ichs. Man leidet still mit. Und hofft auf ein gutes Ende, das sich nicht einstellt.

Die Inszenierung von Raphael Bachmann verstärkt die Einsamkeit des Familienvaters. Das Bühnenbild steckt zeitliche und räumliche Ab- und Einschnitte ab; sparsame Einspielungen erlauben Ein- und Rückblicke in die Aussenwelt. Die Spielzeit von 70 Minuten verdichtet das verkorkste Leben hautnah.

„Karl mit Hund“ empfehle ich allen Veranstalterinnen und Veranstalter, die Wert auf ein eigenwilliges Theaterstück legen, weg vom Mainstream der zurzeit florierenden Regie-Inszenierungen, und die ihrem Publikum einen Abend zumuten, der verhalten, aber direkt und unverhohlen die Tragik und Komik eines Lebens nachvollziehen lässt.

 

Fredy Heller, Basel




GIPF-OBERFRICK

Wie aus Chaos ein literarischer Text wird 

 

Kaspar Lüscher bereitet sich auf die Lesung zu Erwin Rehmann vor. Er erlebt den Bildhauer als «bescheidenen, liebevollen und unvoreingenommenen» Menschen.

Kaspar Lüscher

Kaspar Lüscher bereitet sich auf die Lesung zu Erwin Rehmann vor. Er erlebt den Bildhauer als «bescheidenen, liebevollen und unvoreingenommenen» Menschen.

© Thomas Wehrli

Der Autor Kaspar Lüscher nähert sich den Menschen, die er porträtiert, mit der Zwiebel-Schäl-Methode. Je näher er einem Menschen kommt, desto grösser ist das Chaos, das dabei entsteht. Bei Bildhauer Erwin Rehmann war dieses besonders gross.

Kaspar beim Häuten der Zwiebel. Nein, das ist kein Revival von Tri-tra-trallala-Kasperli und, nein, das ist auch kein billiger Romanabklatsch von Günter Grass’ lesenswertem autobiografischem Werk, das vor zehn Jahren auch wegen dem Geständnis von Grass, er habe im Zweiten Weltkrieg in der Waffen-SS gedient, viel zu reden gab.
Kaspar beim Häuten der Zwiebel, das ist eine Arbeitssymbiose.
Kaspar Lüscher. Das ist der Schauspieler, Regisseur, Texter, Theaterpädagoge, kurz: ein Tausendsassa aus Gipf-Oberfrick.
Die Zwiebel-Schäl-Methode, das ist sein Zugang zu den Menschen, denen er für seine Lesungen nachspürt. Aktuell ist Lüscher auf der Wesens-Fährte von Bildhauer Erwin Rehmann; zur Finissage der Rehmann-Ausstellung in der Galerie Artune in Frick wird er ein 30-minütiges Wort-Licht auf den Laufenburger Künstler werfen.

Lange Vorbereitungszeit

Schon seit vielen Wochen beschäftigt sich Lüscher mit Rehmann, den er schon lange kennt, vertieft sich in Geschriebenes über den begnadeten Bildhauer, verbrachte mehrere Stunden in dessen letzten Ausstellung, sah hin, sah nochmals hin,
nahm auf, liess setzen, spann weiter. «Mir geht es weniger darum, zu erfassen, was der Künstler aussagen will, sondern darum, einzufangen, was bei mir ankommt.» Ein langes Gespräch mit Rehmann folgte und wer den 95-Jährigen kennt, weiss: Rehmann ist ein begnadeter Erzähler.

Zuerst ein Chaos

So wie bei Rehmann geht Lüscher für alle seine Künstler-Lesungen vor: Er studiert den zu Lesenden von allen Seiten, gräbt tiefer, immer tiefer, dringt Schicht um Schicht vor, um dann doch jedes Mal aufs Neue festzustellen: Ein Ende gibt es nicht, denn der Kern des Menschen bleibt, wie jener der Zwiebel, letztlich unergründlich. Mit einem grossen Unterschied: Die Zwiebel ist irgendwann weggehäutet, der Mensch nur offengelegt.
Lüscher lacht, als ich ihn frage, ob sich das denn für ihn noch rentiere, ob sich Aufwand und Ertrag da die Waagschale halten. «Es muss für mich stimmen», sagt er, deutet pantomimisch das Häuten einer Zwiebel an. Er schält so lange, bis er das Gefühl hat: Das passt, ich habe für den Moment alles, was mit vertretbarem Aufwand herauszuholen ist, herausgeschält.
Wenn er dann auf das, was er herausdestilliert hat, blickt, so sieht er oft erstmals nur eines: ein Chaos. Wieder lacht Lüscher, nimmt das Glas Wasser, das vor ihm auf dem blauen, etwas abgenutzten Metalltisch auf der gemütlichen Terrasse seines Hauses in Gipf-Oberfrick steht, nippt, fügt dann an: «Je näher ich an einen Menschen herankomme, desto grösser ist das Chaos.» Bei Erwin Rehmann war das Chaos beachtlich.

Der Mensch hinter der Kunst

Schritt um Schritt entziffert Lüscher das Chaos, fügt, einem Puzzle gleich, das Gehörte, Gefühlte, Gelesene, Gesehene zusammen, lässt die inneren Bildstücke Sprache werden. Am Schluss steht eine Geschichte, die vom Menschen hinter der Kunst erzählt, von seinem Sein. Es geht Lüscher nicht darum, die Werke oder die Arbeit des Künstlers zu beschreiben –
«dazu sind andere berufener». Es geht ihm darum, ein Blitzlicht auf den Menschen zu werfen. Ein Text ist für Lüscher dann gelungen, «wenn er dicht ist, aus einem Guss, verständlich und humorvoll.»
Gelingt es immer? Die Frage überrascht Lüscher, er denkt nach, sagt dann: «Bislang, doch, ich denke schon.» Was der «Gelesene» zur Lesung sagt, ob er sich getroffen fühlt oder nicht, ist Lüscher wichtig. Denn wenn der Geschälte findet: Das bin ganz und gar nicht ich, «dann habe ich nicht richtig zugehört, nicht richtig hingesehen». Das sei bisher noch nie passiert, sagt Lüscher.
Etwas allerdings erlebt er immer mal wieder: Dass er den Porträtierten ein Spiegelbild ihres Seins vor Augen hält, das diese so noch gar nie bedacht oder reflektiert haben. Aus den bewegenden Worten entstehen dann oft wortreiche Bewegungen und Begegnungen. Die rehmannsche Zwiebel hat Lüscher inzwischen so weit geschält, dass er genügend Schichten zum Arbeiten hat. Er fügt sie nun zu einem Text zusammen, zu einem Bild, zu einem Ganzen. Natürlich fehlt auch die Würze nicht, das ist in diesem Fall: eine gesalzene Prise Humor. Wohin hat Lüscher das Schälen geführt? Das will er noch nicht verraten. Wenn man Lüscher jedoch über Rehmann sprechen hört, dann ist schnell klar: Es wird ein liebevoller Blick auf Rehmann sein. Denn genau so, als «bescheiden, liebevoll und unvoreingenommen», beschreibt Lüscher den Laufenburger Bildhauer. «Davon sprechen auch seine Werke.»

Innere Verbundenheit

Lüscher empfindet eine Nähe zu Rehmann, eine innere Verbundenheit mit ihm, wie er sagt. Die beiden verbindet mehr als das reine Künstler-Dasein. Beide sind bei allen Erfolgen bescheiden geblieben; beide haben einen grossen und oft auch spitzen Humor; beide fordern mit ihren Werken den Zuhörer und Zuseher heraus; beide können sich, im Positiven, in ihrer Arbeit verlieren; beide stossen
für jedes Oeuvre in die Tiefe vor. Oder eben: Sie häuten die Zwiebel.

 


Kaspar Lüscher führte seine Zuhörer durch 190 Jahre Wirtshausgeschichte. 

von Martin Binkert

 

 

Ein Tausendsassa

erzählt die

190-jährige

«Rössli»-Geschichte

Aktualisiert am 20.10.15,  von Thomas Wehrli

 

Leise Klarinettentöne kündeten den Schauspieler an. Dann war er da, in schwarzen Hosen, schwarzem Gilet, kragenlosem weissem Hemd, einer roten Rose im Pochettli und begann, das hohe Lied auf das «Rössli» zu singen. Der begnadete Selbstunterhalter besang sechs Wirtegenerationen und eine Zeit, als diese Liegenschaft fast alleine dastand, die Naturstrassen voller Staub waren und das Pferd, das Ross, das Fortbewegungsmittel schlechthin war.

Es waren nicht nur das verbriefte Tavernenrecht von 1754, der Handwechsel an Urs Joseph Victor und Agath Hürzeler im Jahre 1825, sowie die Übergabe der Wirtschaft von einer Generation zur anderen, die die Zuhörer fesselten. Es waren nicht nur die Mimik, die hohen und die tiefen Stimmen und zeitweise ein anderer Dialekt, die sie in den Bann zogen. Es waren auch die vergangene Zeiten, die wie ein Film vor ihnen abliefen. Realitätsnah schilderte der Sänger, wie in diesem Saal mit den knarrenden Holzdielen und den farbigen verzierten Holzbalken eine Generation der anderen die Liegenschaft übergab, wie das Glöckchen der Dorf abwärts gelegenen Kapelle bimmelte, oft zum Abschied, oft zum Neubeginn.

Die Jahre kamen und gingen. Auf Friede folgte Krieg und auf Krieg wieder Friede. Die Österreicher waren da, zweimal die Franzosen, der Kanton Fricktal wurde ausgerufen um nach einem Jahr mit dem Aargau zu verschmelzen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren die Schweizer Grenztruppen vor Ort. Ob Freund oder Feind, alle zog es hierhin. Sie tranken, assen und erzählten.

Armut und Hungersnöte knebelten das Land. Die bisher Schweinen verfutterte Kartoffel wurde als Gericht für die Menschen entdeckt. Viele zogen weg, versuchten ihr Glück in Amerika. Die von dort eingeschleppte Reblaus vernichtete die stolzen Rebberge des Dorfes. Auch für die Wirte dürfte es nicht immer einfach gewesen sein, obwohl sie mit Landwirtschaft, Taverne und Handel breit abgestützt waren. Initiative war gefragt.

Einer der Hürzelers zog mit Schweinen durchs Land, kaufte und verkaufte sie. Seine massive lederne Geldkatze, ein Geldgürtel, zeugt noch heute im Saal von seinen Geschäften. Noch etwas erinnert hier an früher. Hinter Gittern gut geschützt steht ein Krug. Dieser wurde bei einem Umbau im Gemäuer gefunden. 200 Jahre, so der Schauspieler, sei dieser mit Geld gefüllte Tresor verborgen gewesen und stamme aus einer Zeit, als die Bauern den Zehnten abgeben mussten.

Mit seiner Klarinette kündete der Schauspieler neue Epochen an. Petroleumlampen und Webstühle kamen ins Land, Geschäfte und Handelunternehmen entstanden, Stromleitungen wurden gezogen, das erste Wandtelefon kam ins Haus. «Damals ging man ins Rössli, um zu telefonieren» meinte er und wies auf die nächste Errungenschaft hin, die Wasserleitung. Die Hürzeler-Töchter mussten das Wasser nicht mehr am Brunnen holen, denn fortan plätscherte dieses munter in der Küche. Der Speiseplan wurde reichhaltiger.

Mit einem letzten Klarinettenspiel beendete Kaspar Lüscher seinen Auftritt. Mit einem lang anhaltenden Applaus und Bravo!-Rufen bedankten sich äusserst zufriedene Zuhörer.  (az Aargauer Zeitung)


NAZ Fricktal 23.6.2015

 

Mitten in die Tiefe der Seele

Frick Schauspieler Kaspar

Lüscher schilderte an der

Finissage von Susi Kramer in

der Galerie Artune eindrücklich

die Wirkung von Kunst.

VON MARTIN BINKERT

 Auf der ausladenden Terrasse der bewohnten Galerie Artune am Frickberg in Frick funkelten die farbenprächtigen Stelen aus Acrylglas von Susi Kramer in der Abendsonne, während Kaspar Lüscher im abgedunkelten Soussol im Scheinwerferlicht ein wahres Feuerwerk an Gedanken, Mimik und Körpersprache versprühte. Die angekündigte Lesung «Welt vor den Augen» des fast bis auf den letzten Platz besetzten Saales war viel mehr als eine literarische Meisterleistung. Sie war ein Einakter pur mit zahlreichen Nuancen und Facetten, die der Schauspieler, Regisseur und Interpret aus seinem tiefsten Inneren schöpfte. Kaspar Lüscher stellte die Oberhofer Künstlerin Susi Kramer, die in Cannes und Paris Wohnung und Atelier besitzt und während Jahren in Hongkong studiert hatte, auf die Bühne der Welt. Er verglich ihre Kunst mit den Meisterwerken von Henri Matisse, dem grossen Doyen des französischen Expressionismus und mit dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Denn alle drei hatten sich von dem hellen, klaren Licht der Mittelmeersonne der Côte d’Azur inspirieren lassen. Wie meinte doch der kleine Prinz im gleichnamigen Werk von Saint-Exupéry: Im Alter von sechs habe ich meine Karriere als Maler beendet, als die Erwachsenen meine Bilder nicht verstanden. Doch Schuld war nicht der kleine Prinz, sondern die Erwachsenen, die seine Bilder nicht interpretieren konnten. Ganz anders war dies bei Susi Kramer und bei Henri Matisse, der gerne mit offenem Fenster malte. Ihre Bilder und ihre Werke gingen um die Welt. Der Künstler von Weltrang malte mit offenem Fenster, um eins zu sein mit der Natur, um die Wirkungen eines vorbeifahrendes Schiffes gleich in seinem Atelier mitzuerleben, wie er sagte. Der Gipf-Oberfricker Schauspieler wob noch eine Person in seine Hommage ein, den Schweizer Autor und Chefredaktor der Schweizer Kunstzeitschrift «Du» (1957 bis 1974), Manuel Gasser. Der begnadete Schriftsteller, der sein Wissen auf den entlegensten Plätzen der Welt geholt hatte, malte mit Worten. So schildert er höchst eindrücklich seine Erlebnisse auf einer fast völlig verlassenen griechischen Insel und seinen Blick in die Tiefe zum dunkelblauen, schäumenden Meer.

60 Minuten Kleintheater

 Vor ihren Augen hatten die Zuhörer nicht nur die Kunst von Susi Kramer, die Zitate von Henri Matisse und Manuel Gasser. Unmittelbar vor ihren Augen erlebten sie auch die hochmoderne bewohnte Galerie von Peter Stocker, die der Schauspieler in seinen Auftritt mit einbezog.«Welt vor den Augen» war 60 Minuten lang Kleintheater auf hohem Niveau. Doch was die Gäste zuerst nur gesehen und gehört hatten, trugen sie tief in ihrer Seele nach Hause.


 

Pratteln, Freitag, 20. März 2015 – Nr. 12
Erzählungen
vom       
 Herrgott, den Tieren und der Liebe

Eine Frühlingslesung mit Kaspar Lüscher am frühlingshaften Nachmittag im ökumenischen Kirchenzentrum Romana.

 Von  Elias Jenni*                                           

 

Am vergangenen Dienstagnach­mittag fand im ökumenischen Kirchenzentrum Romana eine Lesung mit Kaspar Lüscher statt.

Der be­ kannte Autor, Schauspieler und Theaterpädagoge las im Rahmen eines Seniorennachmittags Werke aus Felix Timmermans Erzählband «Das Glück in der Stille».

Rund 30 Hörerinnen und Hörer fanden an diesem frühlingshaften Nachmit­tag den Weg ins Romana, um den lebendig vorgetragenen Geschich­ ten zu lauschen.

Über die Tiere zum Menschen

Die erste Erzählung «Der Tag  deTiere» handelte davon, wie die Tiere bei der Erschaffung der Welt   ihre   Bestimmung  fanden.

«Wer will das Tier sein, das dem Menschen  den  verbotenen Apfel

reicht?», fragte sie der Herrgott. Niemand meldete sich.

 

Um eine Kuh und ein hölzernes Kruzifix ging es in der zweiten Ge­ schichte. Was die beiden miteinan­der diskutierten und erlebten, of­ fenbart so einiges über den Herrgott und die Kühe, vor allem aber über die Menschen.

Lüscher begann   die   humorvollen  Erzäh­lungen jeweils sitzend, doch las er sie so ausdrucksstark, dass er die ersten Geschichten beide im Stehen beendete.

 

Schönste  Liebesgeschichte

Die dritte Erzählung handelte, pas­ send zum Frühlingsbeginn, von der Liebe. «Das Brevier für Liebende» sei die schönste Liebesgeschichte, die er kenne, meinte Lüscher und fügte schmunzelnd hinzu, fast so schön, wie seine eigene. Die Ge­schichte erzählte von abgekupfer­ ten Liebesbriefen, Missverständ­nissen, unglücklichen Ehen und davon, wie die Liebe am Ende doch ihre Erfüllung fand. Denn die Liebe kennt kein Alter: «Sie war alt, runz­lig und mager», dachte der Protago­nist   über   seine   gealterte Emma,

«aber die Augen, aber die Augen.» Manche der Anwesenden im Kir­chenzentrum fanden sich  selber und ihre eigenen Lebensgeschich­ ten in dieser eindrücklichen Liebes­ erzählung wieder.

Als Schauspieler, Geschichtenerzähler und auch als Vorleser zieht Kaspar Lüscher das Publikum in seinen Bann. Foto   zVg   Elias  Jenni

* Pfarrer ref. Kirchgemeinde

 

.

 

 

EIN KIND UNSERER ZEIT

Vorstellung Burgbachkeller Zug 31.3.12

 

Mit der Lüge gegen die Lüge angehen

Grosser

Applaus für Kaspar Lüscher.

Der Schweizer Schauspieler

regte mit Ödön von Horvath

zum Nachdenken an.

 

Einzig eine Bank ist zu sehen auf der

Bühne des Burgbachkellers. Darauf

drapiert ist eine weisse Decke sie

deutet den «Schneemann» an, den auf

einer Parkbank erfrorenen Soldaten in

Ödön von Horvaths Roman «Ein Kind

unserer Zeit». Aus dem Off hört man

eine Stimme sagen: «Ich bin Soldat.

Und ich bin gerne Soldat. Immer wieder

freut es mich, in Reih und Glied

zu stehen. Ich war ja schon ganz verzweifelt,

was ich mit meinem jungen Leben beginnen sollte.»

Dann betritt der Soldat die Bühne. Er setzt sich,

im Hintergrund hört man Mahler, rötliches Licht wird

zu weissem, und er beginnt zu reden.

Von Arbeits- und Aussichtslosigkeit, vom Militär,

das ihm zu Mantel und Ordnung verhilft.

«Adieu, ihr täglichen Sorgen! Jetzt ist immer einer

neben dir. Rechts und links, Tag und Nacht.»

Dummheit und Lüge

Warum nur tut man sich immer

wieder Ödön von Horvath 

an? Dieser Autor ist so schonungslos,

dass es einem beim Lesen beinahe den

Atem nimmt. Aber auch die Augen

öffnet, und genau darum tut man sich

immer wieder Ödön von Horvath an.

«Ich habe nur zwei Dinge, gegen die

ich schreibe, das sind die Dummheit

und die Lüge», so sagte der Autor einst.

Er war ein raffinierter Schreiber: Mit

dem Aufzählen von Plattitüden entlarvte

er diese, mit dem Aufzählen von

Lügen machte er diese als solche kenntlich.

 Mit seiner Mimik und Gestik setzt Kaspar

Lüscher gekonnt die Absicht von Horvath

um, den Soldaten als indoktrinierten

Haltlosen zu zeigen. Die Hände

nervös, der Blick starr kurz ist die

Erkenntnis: «Ich mag keine Seele leiden

– auch mich nicht.» Dieser Soldat hat

Angst, da helfen auch keine Plattitüden.

 

Zeitlose Figur

Und der Soldat salutiert in Turnschuhen.

Regisseur Raphael Bachmann

kleidet seinen Protagonisten in Alltagskleidung

was die Figur zeitlos aktuell macht. Das

Bühnenbild kommt mit einer Bank aus, das

schlichte Möbel ist zugleich Krankenbett

(denn der

Soldat hat einen verwundeten Arm),

Sofa und Parkbank.

Die Musik wechselt von Mahler über

Dylan zu den Comedian Harmonists.

Und endet schliesslich mit Pink Floyd:

Ein Kind findet den Erfrorenen. Der

«seinen Arm für einen Dreck gab.

Vergiss ihn nicht, er war ein Kind seiner

Zeit.»

Susanne Holz

 

redaktion@zugerzeitung.ch  

 

 

«Er gab seinen Arm

für einen Dreck.

Vergiss ihn nicht,

er war ein Kind

seiner Zeit.»

 

 

EIN KIND UNSERER ZEIT

 Kellertheater Bremgarten: Brillanter Autor

trifft auf  begnadeten Schauspieler 

Im Schneetreiben sitzenbleiben  

Ein Mann sitzt spätabends auf einer Parkbankim

Schnee. So lange, bis ihm ganz warm 

und wohlig wird und amnächsten 

Morgen eine Stimmemeint: «Schau mal, ein Schneemann.» Das unweigerlicheEnde 

eines kleinen Lebens. 

 


«Ein Kind unserer   Zeit» heisst  der Roman,der 

neben «Jugend ohne Gott» zu den berühmtesten  

Prosawerken  des bekannten Dramatikers Ödön von

Horváth gehört.

Die dramatische Fassung für die Bühne besorgten

Ekehard Schall und  Hans Joachim Frank.Unter der

Regie von Raphael Bachmann agierte ein  hervorragender 

Kaspar Lüscher. 

Man weiss es, wenn man Ödön von Horváth auch nur ein 

bisschen kennt: Seine Geschichtenenden fast immer

mitdem Tod. Dabei war soviel Leben auf  der  

Bühne, den  ganzen Abendlang.  Gespielt von nur  einem  

Mann und dann doch der ganz persönliche Niedergang

amSchluss.

Da war doch so viel Hoffnung auch am Anfang, als

der  Mann ohne Namen endlich seiner jahrelangen  

Arbeitslosigkeit entfliehen darf und sich freiwillig

beim  Militär meldet. Endlich hat sein Leben wieder

einen Sinn, endlich gibt es wieder  etwas, was sich  

Zukunft nennen,darf und jeden Tag einen 

Teller Suppe und warme Kleidung.

 Der Schauspieler und Geschichtenerzähler

Kaspar Lüscher zog das Publikum in seinen Bann.                                                                

Mal menschlich, mal poetisch

Nebeneinander  marschieren,  Mann an  Mann,

Schulter an Schulter. Am Sonntag hat er frei

und  bummelt mit seinen  Kollegen am  

belebten Hafen umher. Dort gibt  es das verwunschene Schloss und  was noch  viel  

wichtiger ist: ein  hübsches Fräulein 

an der Kasse  mit  weichem, zartem  Haar. 

Aber viel  zu schnell ist  der Ausflug vorbei 

und schon steht  er  wieder stramm mit  den

anderen im  Kasernenhof. Vor ihnen der von allen verehrte Hauptmann; ihm zuliebe würden die Soldaten fast alles tun. Auch den Feind hassen

fürs geliebte Vaterland.  Liebe deinen Nächsten

das war einmal, heute wird gehasst. Und wieder

ein  sanftes  «Blackout» nach diesem Satz.

Ein  Satz, der unter die Haut geht, wie  so 

viele  von  Horváth. Mal geht  es ganz und  

gar menschlich zu, und  ein Lachen geht

durch die Zuchauerreihen,  dann wieder wird

es poetisch und   schauerlich schön. Vor allem

aber  wird das  Ganze für  die Hauptfigur immer 

sinnloser,  je länger die Geschichte dauert.

Wenn der  Hauptmann  in  seinem Abschiedsbrief

an seine Frau, nachdem er selbstmörderisch in

die feindlichen Maschinengewehrsalven gelaufen 

ist, schreibt: «Ich passe nicht mehr in diese Zeit.»

Und dass es ihn  ekle vor dem  Vaterland.  Der 

namenlose  Mann  ist verwirrt, als  er diese

Zeilen lesen muss. Hat er sich doch  im  

Gefecht für seinen geliebten Hauptmann

eingesetzt und  dabei sei- nen  Arm verloren.

 

Auf der Suche nach Wärme

Was so dramatisch klingt, kommt erstaunlich sanft

und eise  daher. Gekonnt werden die  «Blackouts»

eingesetzt.  Dazu leise Musik im  Hintergrund:  Da

ein  lautes  Atmen bei  der Schlacht, dort alte Schlager

aus den 40erJahren.  Und dann  immer wieder der 

Mann, der sucht und einfach nicht  findet. Gegen

Ende  sogar aus dem Militär entlassen wird, weil sein

kaputter  Arm, der kommt «nimmer» mehr.So besucht

er nochmals das Fräulein  an  der  Kasse, aber es ist

nicht mehr  da.  Zwischendurch sitzt er auf der Bank,

der Kaspar Lüscher, der einen so  gekonnt in  seinen

Bann zieht und  mitten ins  Herz trifft, und fungiert

als Erzähler. Dann ist da die Frau  des   Hauptmanns im  

Morgenrock. Sie  wirkt leicht vulgär und ist auch

nur auf der Suche nach ein bisschen Wärme in dieser

sturmgepeitschten Nacht. All  das und noch viel mehr

hat der talentierte Schauspieler und Geschichtenerzähler

Kaspar Lüscher an diesem Abend vorgespielt. Ihm sei ein

grosses Lob ausgesprochen.                                       --kn